Lilian Harvey, gebürtige Lilian Helen Muriel Pape (* 19. Januar 1906 in London; † 27. Juli 1968 in Juan-les-Pins, Frankreich), war eine britisch-deutsche Schauspielerin, Sängerin und Tänzerin. Durch Musikfilme wie „Die Drei von der Tankstelle“ und „Der Kongreß tanzt“ wurde sie in den 1930er-Jahren zu einem beliebten Star in Deutschland.
Frühes Leben und Anfänge
Lilian Harvey kam 1906 in London als Tochter der Engländerin Ethel Pape geb. Laughton zur Welt, die zu dieser Zeit mit dem deutschen Kaufmann Walter Bruno Pape aus Magdeburg verheiratet war. Aufgrund eines längeren Auslandsaufenthaltes dürfte Walter Pape jedoch als ihr leiblicher Vater nicht in Betracht kommen.Während der Schulzeit in London nahm Pape ohne das Wissen ihrer Mutter Ballettunterricht. Während des Ersten Weltkrieges hielt sich die Familie Pape gerade in Magdeburg auf, konnte und wollte deshalb nicht nach England zurückkehren. Das Mädchen Lilian wurde in der Schweiz in Solothurn bei ihrer Tante untergebracht. 1923 machte sie ihr Abitur in Berlin, wo sich die Familie inzwischen niedergelassen hatte. Danach löste sie sich von der häuslichen Umgebung. Sie besuchte die Ballettschule der Deutschen Staatsoper und erhielt erste bezahlte Auftritte als Tänzerin in Ungarn und Österreich. Damals nahm Lilian Pape den Mädchennamen ihrer Großmutter Harvey als Künstlernamen an.
Von da an ging es mit der Karriere aufwärts. Im Februar 1924 erhielt sie eine erste kleine Rolle in Robert Lands „Der Fluch“, wo sie die junge Jüdin Ruth spielte. Sie agierte in mehreren Stummfilmen und erhielt bereits 1925 im Film „Leidenschaft“ als Partnerin von Otto Gebühr die Hauptrolle. Mit Willy Fritsch, mit dem sie später noch elf weitere Filme drehte, stand sie erstmals 1926 in der Operettenverfilmung von „Die keusche Susanne“ vor der Filmkamera. Im Jahr 1929 wurde im Berliner Gloria-Palast der Film „Ihr dunkler Punkt“ gezeigt, in dem Lilian Harvey ebenfalls zusammen mit Willy Fritsch zu sehen war.
Karriere als Filmstar
1930 kam der entscheidende Durchbruch, als sie in dem romantischen Komödienfilm „Liebeswalzer“ mit Fritsch zum Traumpaar des deutschen Films avancierte. Lilian Harvey selbst wurde in der Folgezeit zum süßesten Mädel der Welt, wie die Presse schrieb. 1931 erschien der Film „Der Kongreß tanzt“, in dem sie in einer Szene Christels Lied singt, besser bekannt als Das gibt’s nur einmal“, das bis heute ein Evergreen geblieben ist. Die nachfolgenden Filme wurden auch in England und Frankreich synchronisiert, teilweise wurden sie sogar, wie damals nicht unüblich, gleich mehrsprachig mit unterschiedlichen Partnern gedreht, und dadurch wurde Lilian Harvey auch im Ausland bekannt. Sie wurde nach Hollywood eingeladen und drehte dort vier nicht sehr erfolgreiche Filme. Harvey kaufte 1931 die Villa Asmodée in Juan-les-Pins an der Côte d’Azur.
1935 kehrte Harvey in das nationalsozialistische Deutschland zurück. Sie drehte noch mehrere erfolgreiche Filme, darunter einige mit ihrem Freund, dem Regisseur Paul Martin. Nachdem bekannt geworden war, dass sie weiterhin jüdische Kollegen in ihrem Haus empfing, wurde sie von der Gestapo beobachtet und galt in der Folgezeit als unzuverlässig. 1939 verließ Harvey schließlich Deutschland und emigrierte nach Juan-les-Pins. Dort drehte sie 1940 ihren letzten Film „Miquette“. Nach der Besetzung Südfrankreichs ging sie 1942 abermals nach Hollywood. Zuvor war sie vor französischen Soldaten und in der Schweiz in Programmen für die Stärkung der Kriegsmoral aufgetreten. 1943 erkannte das NS-Regime Harvey die deutsche Staatsbürgerschaft ab.
Späteres Leben
Nach dem Krieg kehrte Harvey 1946 nach Paris zurück. In den folgenden Jahren unternahm sie Gesangstourneen durch Skandinavien und Ägypten. Auch in Deutschland, wohin sie 1949 zurückkehrte und wo sie Theaterrollen annahm, wurde sie freudig begrüßt. Ihr Theaterdebüt in Deutschland fand aber erst Ende 1961 an der Seite von Heinz Plate am Heidelberger Zimmertheater statt. Allerdings musste sie wegen einer Lungenerkrankung einen längeren Sanatoriumsaufenthalt in der Schweiz hinnehmen. 1953 heiratete sie den dänischen Theateragenten Hartvig Valeur-Larsen; doch 1955 reichte Harvey die Scheidung ein. 1955/1956 lernte sie auf einer Gastspielreise durch die DDR Else Wirth kennen, die von nun an ihre Lebensgefährtin und Mitarbeiterin wurde. Die Scheidung von Valeur-Larsen erfolgte 1957. Von der Bundesregierung erhielt Harvey eine Entschädigung in Rentenform für das in der Zeit des Nationalsozialismus eingezogene Vermögen.
Lilian Harvey, die zeitlebens depressiv und psychisch sehr zerbrechlich wirkte, starb 1968 zurückgezogen in ihrem eigenen Hotel in Juan-les-Pins an einer verschleppten Gelbsucht. Ihre letzte Ruhestätte befindet sich auf dem Cimetière de Rabiac im benachbarten Antibes.
Preise und Auszeichnungen
- 1965: Filmband in Gold für ihre Verdienste für den deutschen Film
- 1967: Bambi
Filme
- 1924: Der Fluch
- 1925: Die Motorbraut
- 1925: Leidenschaft
- 1925: Liebe und Trompetenblasen
- 1925: Die kleine vom Bummel
- 1925: Die Liebschaften der Hella von Gilsa
- 1926: Prinzessin Trulala
- 1926: Die keusche Susanne
- 1926: Vater werden ist nicht schwer
- 1927: Die tolle Lola
- 1927: Eheferien
- 1927: Du sollst nicht stehlen
- 1928: Eine Nacht in London
- 1928: Ihr dunkler Punkt
- 1929: Adieu, Mascotte
- 1929: Wenn Du einmal Dein Herz verschenkst
- 1930: Liebeswalzer
- 1930: The Love Waltz (englische Version von Liebeswalzer)
- 1930: Hokuspokus
- 1930: The Temporary Widow (englische Version von Hokuspokus)
- 1930: Die Drei von der Tankstelle
- 1930: Le chemin du paradis (französische Version von Die Drei von der Tankstelle)
- 1930: Einbrecher
- 1931: Nie wieder Liebe!
- 1931: Calais – Douvres (französische Version von Nie wieder Liebe!)
- 1931: Der Kongreß tanzt
- 1931: Le congrès s’amuse (französische Version von Der Kongreß tanzt)
- 1931: Congress Dances (englische Version von Der Kongreß tanzt)
- 1932: Zwei Herzen und ein Schlag
- 1932: La fille et le garçon (französische Version von Zwei Herzen und ein Schlag)
- 1932: Quick (deutsche und französische Version)
- 1932: Ein blonder Traum
- 1932: Un rêve blond (französische Version von Ein blonder Traum)
- 1932: Happy Ever After (englische Version von Ein blonder Traum)
- 1933: Ich und die Kaiserin
- 1933: Moi et l’Impératrice (französische Version von Ich und die Kaiserin)
- 1933: The Only Girl (englische Version von Ich und die Kaiserin)
- 1933: Die Schule der Liebe (My Weakness)
- 1933: Meine Lippen lügen nicht (My Lips Betray)
- 1933: Ich bin Susanne (I Am Suzanne!)
- 1934: Leise kommt das Glück zu Dir (Let’s Live Tonight)
- 1935: Invitation to the Waltz
- 1935: Schwarze Rosen
- 1935: Roses noires (französische Version von Schwarze Rosen)
- 1935: Did I Betray / Black Roses (englische Version von Schwarze Rosen)
- 1936: Glückskinder
- 1936: Les gais lurons (französische Version von Glückskinder)
- 1937: Sieben Ohrfeigen
- 1937: Fanny Elßler
- 1938: Capriccio
- 1939: Castelli in aria
- 1939: Ins blaue Leben (deutsche Version von Castelli in aria)
- 1939: Frau am Steuer
- 1940: Serenade (Sérénade)
- 1940: Miquette
- 1958: Das gab’s nur einmal (Kompilationsfilm mit Harvey-Szenen aus Vorkriegsfilmen)





