Stiedry(-Wagner) Erika

Erika Stiedry-Wagner, geb. am 23. März 1890 (11. März 1890) in Zabeln/heute: Sabile (Provinz Kurland), Russland/heute: Lettland, gest. am 21. Juni 1974 in Zürich, Schweiz, Schauspielerin, Sängerin, Rezitatorin.

Leben

Erika Stiedry-Wagner wurde am 23. März 1890 in Zabeln in der russischen Provinz Kurland (heute: Lettland) geboren. Über ihre Eltern Paul von Wagner und Martha von Wagner, geb. Lieven, und über ihre Kindheit ist nichts bekannt. Sie absolvierte eine Ausbildung als Schauspielerin und wurde bereits 1907 an das Hoftheater in Meiningen engagiert. 1910/1911 spielte sie am Burgtheater in Wien und in der folgenden Saison am Neuen Schauspielhaus in Berlin unter Max Reinhardt. 1912 ging sie zurück nach Wien, diesmal ans Deutsche Volkstheater, wo sie mit einer Unterbrechung bis 1924 blieb und wohin sie 1926-1930 zurückkehrte. Dazwischen war sie am Theater in der Josefstadt bzw. wieder am Burgtheater engagiert (TrappF u. a. 2005, Teil 2, Bd. 2, S. 976-977). Dazu gab sie am 6. Dez. 1919 im Akademietheater in der Wiener Premiere die Fiore in Thomas Manns „Fiorenza“ und lernte bei dieser Gelegenheit den Schriftsteller kennen (MannT 1977-1995, Bd. 1918-1921, S. 332-336). Sie trat jedoch nicht nur im Schauspiel, sondern auch vor der Kamera auf: 1922-1935 wirkte sie in mindestens vier Filmen mit; einer von ihnen war 1932 die Verfilmung von Franz Lehárs Operette „Friederike“; da sie eine gute Stimme hatte und musikalisch war, hatte sie Gesangsunterricht genommen und war bereits seit 1920 gelegentlich auch als Lied- und Operettensängerin aufgetreten.

Vermutlich durch ihre Freundschaft mit Smaragda Berg-von Eger lernte Erika Stiedry-Wagner Helene und Alban Berg kennen und gewann Interesse an Neuer Musik. Am 13. Nov. 1920 gab sie in Wien einen Abend mit Liedern von Arnold Schönberg, Gustav Mahler, Egon Kornauth, Modest Mussorgski, Erich Wolfgang Korngold und Hans Pfitzner (Begleiter: Kornauth) und wirkte ab 1921 in Veranstaltungen des Vereins für musikalische Privataufführungen mit. Dort sang sie am 20. und 23. Jan. 1921 Schönbergs Lieder Nr. 1, 3 und 4 aus op. 6 und die Uraufführung von op. 14; op. 14 wiederholte sie am 31. Jan. 1921. (Berg schrieb dem in den Niederlanden weilenden Schönberg am Tag nach der ersten Aufführung, sie habe seine Lieder sehr schön gesungen, „soweit eben so eine 2tklassige Sängerin [das] kann“ (SchönbergA/BergA 2007, Bd. 2, S. 102).) Sie war im August 1922 auch am Internationalen Kammermusikfest in Salzburg, dem „Nullten“ Fest der damals gegründeten IGNM, beteiligt (HaefeliA 1982, S. 479 f.). Bei dem Wohltätigkeitskonzert, das Schönberg am 12. Aug. 1922 in seinem Urlaubsort Traunkirchen veranstaltete (ASC Stiedry-WagnerE, Schönberg an Erika Wagner, 7. Aug. 1922, Abdruck des Programms in Nono-SchoenbergN 1992, S. 197), rezitierte sie und sang Lieder von Johannes Brahms, Hugo Wolf und Franz Schubert (Begleiter: Paul Weingarten). Auch ist bekannt, dass sie am 6. Apr. 1930 in einem Konzert in der BBC sang, dessen Programm vom Kolisch-Quartett und Eduard Steuermann komplettiert wurde. Inzwischen war sie jedoch auf ein ganz bestimmtes Werk Schönbergs spezialisiert, in dem sie ihre beiden Talente gleichzeitig einsetzen konnte: im Sprechgesang des „Pierrot lunaire“.

Schon an den drei „außerordentlichen Vereinsabenden“ vom 30. Apr., 3. und 9. Mai 1921 hatte Stiedry-Wagner den Sprechgesang in „Pierrot lunaire“ übernommen (mit Franz Wangler, Viktor Polatschek, Rudolf Kolisch, Wilhelm Winkler und Eduard Steuermann, Leitung: Erwin Stein) und ein Jahr später, am 25. Mai 1922, auch beim ersten Vereinskonzert in Prag, diesmal mit Schönberg am Pult. Im selben Jahr und 1924 war sie mit dem „Pierrot lunaire“-Ensemble auf Konzertreisen, dann wieder 1928 und 1930 (in Wien, Freiburg, Köln, London).
Nach dem Machtantritt der Nazis 1933 waren Aufführungen dieses Werks in Deutschland nicht mehr möglich, doch gab sie den „Pierrot“ noch Ende November 1933 unter Constant Lambert in London, 1935 in Leningrad und 1937 in Wien und Bern unter Fritz Stiedry. Damit hatte sie seit 1921 bei mehr als 20 Konzerten in ganz Europa mit diesem Werk gastiert. Wie sie denn auch in ihrem Glückwunschschreiben zu Schönbergs 70. Geburtstag formulierte, war „der Pierrot, mein größtes künstlerisches Erlebnis!“ (ASC Stiedry-Wagner, Fritz Stiedry und Erika Stiedry-Wagner an Arnold Schönberg, 9. Sept. 1944).

Als Fritz Stiedry, mit dem sie seit 1932 verheiratet war, im Frühjahr 1933 aus „rassischen“ Gründen von seinem Posten als erster Kapellmeister der Städtischen Oper Berlin beurlaubt und wenig später entlassen wurde, war auch ihres Bleibens im „Dritten Reich“ nicht länger – auch wenn es kein direktes Zeugnis darüber gibt, spricht die kulturpolitische Einstellung ihres Mannes und die enge Freundschaft mit Schönberg dafür, dass sie in der Ablehnung des NS-Regimes übereinstimmten. Schönberg hatte ihr im Mai 1933 aus Paris, seiner ersten Exilstation, eine kaum verschlüsselte Postkarte mit der Frage gesandt, ob sie und ihr Mann sich ihm und seiner Familie nicht anschließen wollten (ASC Stiedry-Wagner, Schönberg an Stiedry-Wagner, o. D. [nach dem 16. Mai 1933]). Da Stiedry jedoch als Leiter des Leningrader Philharmonischen Orchesters engagiert wurde, zog Erika Stiedry-Wagner mit ihrem Mann im Herbst 1933 in die UdSSR. Sie gab auch dort mit ihm als Begleiter Liederabende.

Als Fritz Stiedry im Sommer 1937 nicht mehr nach Leningrad zurückkehren durfte (John 1993, S. 267), zog das Ehepaar für mehrere Monate nach Wien zurück. Während sich ihr Mann im Januar 1938 nach New York aufmachte, musste Stiedry-Wagner aus finanziellen Gründen auch nach dem „Anschluss“ Österreichs noch in Wien bleiben, bis sich für Stiedry im Frühsommer ein Engagement abzeichnete. Sie erhielt am 29. Juni 1938 ein Visum für die USA und schiffte sich am 7. Juli 1938 auf der S. S. Hamburg nach New York ein. Privat konnte sie auch im Exil ihre Kontakte weiter pflegen, z. B. zu Thomas Mann, den sie 1939 zusammen mit ihrem Mann in Princeton und 1949 in Pacific Palisades besuchte (MannT 1977-1995, Bd. 1937-1939, S. 397 bzw. Bd. 1949-1950, S. 102). Beruflich hatte sie in New York jedoch nur anfangs Gelegenheit, ihre Laufbahn als Schauspielerin und Sängerin fortzusetzen, und zwar in der Österreichischen Bühne. Sie spielte 1940 in der Premiere von Anton Wildgans’ Schauspiel „In Ewigkeit Amen“ und Arthur Schnitzlers „Komtesse Mizzi“, in Claude-André Pugets „Tage des Glücks“, Bruno Franks „Sturm im Wasserglas“ und 1941 in Jean Cocteaus „Die schrecklichen Eltern“, Arthur Schnitzlers „Liebelei“ und Raoul Auernhammers „Das ältere Fach“. Als die Bühne danach schloss, konnte sie in den folgenden vier Jahren nur noch bei Lesungen auftreten.

Stiedry-Wagner war allerdings an der Schallplattenaufnahme von Schönbergs „Pierrot lunaire“ beteiligt, die ihr Mann Fritz Stiedry bei Columbia Records initiiert hatte und die am 25./26. Sept. 1940 in Los Angeles unter der Leitung des Komponisten mit Leonard Posella (Flöte), Kalman Bloch (Klarinette) Rudolf Kolisch (Violine und Viola), Stefan Auber (Violoncello) und Eduard Steuermann (Klavier) produziert wurde (kurz vorher, am 22. Sept., wurde das Werk im Hause Salka Viertels vor Gästen, u. a. Thomas und Michael Mann, aufgeführt). Sie übernahm den Sprechgesang auch, als Schönberg das Werk im November 1940 in New York aufführte. Ebenso wirkte sie dort noch am 20. Febr. 1949 bei der „Pierrot“-Aufführung unter der Leitung ihres Mannes mit, bei der der Primarius Robert Mann und der Cellist Arthur Winograd des Juilliard-Quartetts mitwirkten.

Da sie und ihr Mann seit 1942 ohne festes Einkommen waren, dachte sie 1944 daran, es in Hollywood beim Film zu versuchen. 1945 konsultierte sie die Sängerin und Gesangslehrerin Therese Behr-Schnabel; dass sie regulären Unterricht bei ihr nahm, ist aber unwahrscheinlich. Nach Kriegsende ergaben sich in New York für sie wieder Möglichkeiten zu spielen: zuerst an den Kammerspielen, 1946-1949 bei den Players from Abroad, deren Beirat sie auch angehörte. Dass sie in den vier Jahren aber in nur fünf Inszenierungen auftrat, zeigt, dass ihre Möglichkeiten als deutschsprachige Schauspielerin in New York stark eingeschränkt waren. Sie wirkte gelegentlich bei Lesungen mit, trat 1945 auch rezitierend bei der Feier auf, die das German-American War Bond Committee zu Ehren von Thomas Manns 70. Geburtstag in der Times Hall in New York veranstaltete. Vermutlich im Oktober 1949 hatte sie mit einem Rezitationsabend von Johann Wolfgang von Goethes „Faust“ großen Erfolg (ASC Stiedry-Wagner, Fritz Stiedry an Schönberg, 23. Okt. 1949?). 1950/1951 erarbeitete Stiedry-Wagner das Melodram im dritten Teil von Schönbergs „Gurreliedern“; die Aufführung des Werkes fand am 2./3. Febr. 1951 in Cincinnati (OH) mit dem Cincinnati Symphony Orchestra unter Thor Johnson statt (ASC Stiedry-Wagner, Stiedry-Wagner an Schönberg, 6. Febr. 1951) und wurde vom Voice of America Broadcast aufgenommen. (Aus dem Plan von London Records, daraus eine Schallplatte zu pressen, wurde nichts, weil die Choristen keine Gewerkschaftsmitglieder waren.)

Als sich ihr Mann 1958 von der Metropolitan Opera zunächst beurlauben ließ und dann seine Tätigkeit dort beendete, zog Erika Stiedry-Wagner mit ihm nach Zürich. Dort nahm sie auch nach seinem Tod im Sommer 1968 noch „regen Anteil am kulturellen Leben der Stadt“ (E. Schm. 1974), wie es in einem Nachruf nach ihrem Tod am 21. Juni 1974 in Zürich hieß. Ihren und Fritz Stiedrys Nachlass, soweit er Schönberg betraf, vermachte sie dem Arnold Schoenberg Institute (heute Arnold Schönberg Center).

Quelle: https://www.lexm.uni-hamburg.de/object/lexm_lexmperson_00005589
MEDIEN

Erika Stiedry-Wagner: Pierrot lunaire, Op. 21, pt. 1: No. 1, Mondestrunken · Arnold Schoenberg, Leonard Posella, Rudolf Kolisch, Stefan Auber, Eduard Steuermann, Erika Stiedry-Wagner

Erika Stiedry-Wagner: Pierrot lunaire, Op. 21, pt. 1: No. 2, Colombine · Arnold Schoenberg, Leonard Posella, Kalman Bloch, Stefan Auber, Eduard Steuermann, Erika Stiedry-Wagner

Erika Stiedry-Wagner: Pierrot lunaire, Op. 21, pt. 3: No. 21, O alter Duft · Arnold Schoenberg, Leonard Posella, Kalman Bloch, Rudolf Kolisch, Stefan Auber, Eduard Steuermann, Erika Stiedry-Wagner